Mario Seidl im Interview

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8 Monate ist es nun her, dass sich der nordische Kombinierer Mario Seidl beim Sommer-Grand-Prix in Planica (SLO) das Kreuzband im linken Knie gerissen hat. Mit oesv.at sprach der Salzburger über seinen Weg zurück, über seine Motivation und über das Training in Ausnahmezeiten wie diesen. 

Wie gehts dir aktuell mit dem Knie?

Mir geht es aktuell schon wieder richtig gut, danke. Jetzt ist es 8 Monate her, seitdem ich mir in Planica das Kreuzband gerissen habe und der Stand der Dinge ist vielversprechend. Von der Beweglichkeit her habe ich keine Einschränkungen, nur im Kraftbereich muss ich noch etwas Gas geben und aufholen. Das haben auch diverse Tests gestern im Red Bull Athleten Performance Center in Thalgau gezeigt, vom Oberschenkelumfang her fehlen mir noch etwa drei Zentimeter.

Worauf legst du derzeit im Training den Fokus?

Bis auf das Sprungtraining kann ich alles schon wieder machen. Derzeit geht es vor allem darum, dass ich mit beiden Beinen in die Symmetrie komme und auf beiden Seiten das gleiche Kraftniveau hinbekomme. Darauf lege ich in den nächsten Wochen das Hauptaugenmerk. Ausdauermäßig habe ich schon viele Stunden gut trainieren und mir eine gute Basis erarbeiten können.

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Wie hat dein Training während der Coronazeit ausgesehen?

Das Training hat sich vorwiegend zuhause abgespielt und war schon sehr eintönig, man hat einfallsreich sein müssen. Ich habe viel alleine am Ergometer trainiert und Kraft- und Koordiniationsübungen zuhause gemacht. Als dann die Lockerungen gekommen sind, bin ich alleine laufen gegangen und habe auch schon das ein oder andere Mal die Skiroller ausgepackt. Es sind auf jeden Fall schon einige Ausdauerstunden zusammengekommen. Die Physiotherapie hab ich Gottseidank nebenher weiter machen können, Stillstand wäre da sehr schlecht und kontraproduktiv. Normal bin ich im Frühjahr immer noch einmal nach Skandinavien zum Langlaufen geflogen, das ist dieses Jahr aufgrund der Situation leider ins Wasser gefallen. 

Wann möchtest du wieder ins Wettkampfgeschehen einsteigen?

Mein Fokus liegt zu hundert Prozent auf dem Winter, alles andere ist nebensächlich. Letztes Jahr habe ich den Fehler gemacht, dass ich mit aller Gewalt noch beim Sommer-Grand-Prix starten wollte. Das war vielleicht noch etwas zu früh und mit dem Resultat, dass ich mir das Kreuzband ganz durchgerissen habe. Ich habe dazugelernt und dieses Jahr gehe ich es anders an. Ich will zuerst komplett fit sein und dann erst Wettkämpfe bestreiten. Ob das schon beim Sommer-Grand-Prix der Fall sein wird, werden wir sehen. Das Ziel ist auf jeden Fall der Weltcupauftakt in Ruka. 

Und der liegt dir ja besonders, wie wir wissen.

Ja genau. Ruka zählt zu meinen Lieblingsschanzen, dort konnte ich 2018 meinen ersten Weltcupsieg feiern.

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Welche Ziele hast du für die kommende Saison?

Ich habe mir meine Ziele für kommende Saison hoch gesteckt und möchte gleich beim Weltcupauftakt richtig loslegen. Insofern ist eine gute Leistung in Ruka zeitlich gesehen das erste Ziel. Das Nordic Combined Triple ist auch immer ein Highlight. Vorletzte Saison konnte ich das Triple in Chaux Neuve gewinnen, kommenden Winter möchte ich in Seefeld auch wieder ganz vorne mitmischen. Dann haben wir mit der WM in Oberstdorf wieder eine Weltmeisterschaft, eine Einzelmedaille ist dann mein großes Ziel für den Winter. Ebenso dort mit dem Team wieder erfolgreich zu sein und eine Medaille zu holen steht ganz oben auf meiner Liste.

Wie hast du in der schweren Zeit mit der Verletzung, Corona etc. deine Motivation aufrecht erhalten?

Das letzte Jahr war wegen dem Kreuzbandriss ein extrem schweres Jahr für mich. Wenn man als Leistungssportler die ganze Saison aussetzen muss und gezwungen ist, sich die Wettkämpfe im Fernsehen anzusehen, dann tut es im Sportlerherz besonders weh. Ich habe versucht, die Situation so schnell es geht abzuhacken und in die Zukunft zu schauen, es liegen ja drei spannende Jahre mit zwei Weltmeisterschaften und olympische Spiele vor uns. So war der Fokus schnell wieder auf die Reha gerichtet. Um die Motivation hoch zu halten, habe ich mir immer kleine Zwischenziele gesteckt. Das erste Ziel war zum Beispiel, wieder den Alltag alleine zu bewältigen. Dann die ersten Tretversuche am Ergometer, dann das erste Mal wieder auf die Langlaufski. Es sind die kleinen Fortschritte, mit denen ich mich anfänglich motiviert habe. Zwischenzeitlich bin ich fast wieder voll im Training, einzig und allein der Schritt auf die Schanze fehlt noch.

Und wann wirst du den Schritt machen?

Wenn alles nach plan läuft, dann möchte ich im Juli zurück auf der Schanze sein. Das wird sicher nicht gleich auf einer großen passieren, ich möchte klein anfangen, um mir wieder die Basis und das Standardsetup zu erarbeiten. Die K60 in Saalfelden würde sich dafür anbieten, die Schanze ist mir schon seit Kindesbeinen vertraut. Dann ist auch das ein oder andere Mal Windkanal geplant, um etwas Flugerfahrung zu sammeln. Das wäre so die Idealvorstellung. Wir gestalten das aber flexibel, wenn die Kraftwerte oder das Training anders verlaufen, dann lasse ich mir Zeit, bis es zu 100% passt.

Abseits der Schanze und Loipe hast du ja mit der Fliegerei eine weitere große Leidenschaft. Bist du in letzter Zeit zum Fliegen gekommen?

Leider ist aufgrund von Corona mein großes Hobby, die Fliegerei, in letzter Zeit kurz gekommen, alle Flughäfen waren geschlossen. Mittlerweile sind die kleinen Flugplätze wieder offen und ich hab auch vergangenes Wochenende eine Runde in Zell am See gedreht. Es hat wieder richtig Spass gemacht, auch wenn mich am Schluss ein kleines Gewitter zum verfrühten Landen zwang. Für mich ist es der ideale Ausgleich, um den Kopf zwischen Wettkämpfen oder Trainings frei zu bekommen. Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr noch, die Privatpilotenlizenz abzuschließen.

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EXPA-PicturesDas Fliegen zählt auch abseits der Sprungschanze zu Mario Seidls großer Leidenschaft
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Auf was freust du dich nach dieser fordernden Zeit am meisten?

Ich freue mich riesig auf den Trainingsalltag mit dem Team. Alleine zu trainieren ist teilweise sehr fordernd, es ist schwierig, die Motivation immer aufrecht zu erhalten. Die ersten Einheiten mit den Teamkollegen, wo wir uns gegenseitig matchen und motivieren können. Darauf freue ich mich jetzt am meisten. 

Danke für das Gespräch!

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