Toni Giger zieht Saison-Bilanz

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Foto: EXPA ÖSV-Sportdirektor Toni Giger kann auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken.

Im Interview spricht der ÖSV-Sportdirektor über einen neu entfachten Teamgeist, „pfeifende“ Sprunganzüge und den bevorstehenden Rückzug von Langzeit-Präsident Schröcksnadel.

Die WM-Saison ist zu Ende, wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Toni Giger: Insgesamt sind wir sehr zufrieden, weil wir bei den Großereignissen erfolgreich waren und auch bei den Kugel-Entscheidungen eine sehr gute Bilanz aufweisen können. Besonders schön ist die Tatsache, dass wir das bei allen Sparten und auch im Nachwuchsbereich sagen können. Vor allem die Erfolge bei den Jugendlichen und Junioren zeigen, dass wir langfristig auf dem richtigen Weg sind.

Welche Sparte oder welcher Athletin/Athlet hat Sie am meisten überrascht?

Puuh, schwierig. Am ehesten die Nordischen Kombinierer. Dass sich zum Beispiel Johannes Lamparter bei der WM so deutlich gegen Saison-Dominator Jarl Magnus Riiber durchsetzen konnte, damit hat wohl auch international kaum jemand gerechnet.

Inwiefern können sich die einzelnen Sparten voneinander etwas abschauen?

Synergieeffekte spielen vor allem im Technologiebereich, wo es um Aerodynamik oder um optimierte Reibung auf Schnee und Eis geht, eine Rolle. Aber auch in anderen Bereichen, wo es verwandte Dinge gibt. So profitieren die Snowboarder von der Kantenpräparierung der Alpinen. Die Skifahrer wiederum schauen sich für die Parallel-Rennen etwas von der Starttechnik der Skicrosser ab. Von der Grundlagenforschung im Anzug-Bereich profitieren grundsätzlich alle Bereiche.

Apropos Anzüge. Was hat es bei der WM in Oberstdorf eigentlich mit den pfeifenden Sprunganzügen auf sich gehabt hat?

(schmunzelt) Was auch immer da gepfiffen hat, darüber werden wird nichts verraten. Umgangssprachlich gesehen, ist es ja schön, wenn es „pfeift“.

Sie sprachen zuletzt oft vom neuen Teamgeist. Wie wurde dieser entwickelt und in welcher Form zeigt er sich?

Bereits im letzten Februar sind wir das Thema Teambuilding und ÖSV-Philosophie konsequent angegangen. Auch mit Hilfe von Experten wie Martina Leibovici-Mühlberger. Wir haben in allen Sparten daran gearbeitet unseren Teamspirit zu stärken. Das Ziel war, das starke Sportpersönlichkeiten in, mit und aus starken Teams Freude an der Leistung zeigen. Sozusagen die Lust am Gewinnen im Vordergrund steht und nicht, wie es schnell passieren kann, die Angst vor dem Verlieren die Überhand gewinnt. Ein gutes Klima innerhalb eines Teams kann dafür den entscheidenden Rückhalt bieten.

Nach der Saison ist die Zeit der Analyse. Können Sie schon abschätzen, in welchen Bereichen die größten Herausforderungen für die kommende Olympiasaison warten?
Die größte Herausforderung ist, dass von uns noch keiner drüben (Peking, Anm.) war. Es gibt also null Erfahrungswerte. Wir werden versuchen vor Ort beste Möglichkeiten für die Präparierung unserer Sportgeräte zu schaffen. Deshalb sind wir froh mit DB Schenker einen starken Logistikpartner an Bord zu haben, um zum Beispiel auch in China auf unsere Schleifmaschinen von Wintersteiger zurückgreifen zu können.

Auch die erste „Corona-Saison“ ist zu Ende. Wie zufrieden waren Sie mit dem organisatorischen Ablauf?

Es war ein ständiger Lernprozess. Gemeinsam mit dem Sportministerium haben wir schon ab April an ersten Konzepten gearbeitet. Unsere ÖSV interne Task Force um Roman Kuss und Jürgen Kriechbaum hat hier mit dem Ministerium und den Landesverbänden herausragende Arbeit geleistet. Es war sicher eine enorme Belastung und Mehrarbeit. Im Grunde genommen auch eine Nagelprobe für unsere Struktur. Diese wurde mit Bravour bestanden.

Sie sind jetzt zwei Jahren als Sportdirektor tätig. Inwieweit hat Sie diese Position persönlich geprägt?

Die persönliche Entwicklung ist eher eine Frage der Erfahrung und des Alters. Das Schlimmste sind Verletzungen; die gehen mir immer mehr an die Nieren. Mit Niederlagen oder schlechten Leistungen kann ich mittlerweile besser umgehen. Daraus kann man nämlich auch Lehren und wertvolle Schlüsse ziehen. Insgesamt bin ich im Vergleich zu früher sicher ruhiger geworden.

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Foto: GEPASeit über 30 Jahren ist Toni Giger in verschiedensten Funktionen unter der Führung von Langzeit-Präsident Peter Schröcksnadel für den ÖSV tätig.

Sie haben es mit sehr vielen Charakteren zu tun hat. Dabei liegen Freude und Leid oft nah beieinander. Wie sehr leidet man mit jenen mit, die gerade nicht erfolgreich sind?

Das ist eine gute Frage. Um die Sieger kümmern sich im Moment des Erfolges viele, deshalb ist es wichtig auch Athletinnen und Athleten, die gerade enttäuscht sind, Aufmerksamkeit zu schenken. Ob das ich bin oder die Trainer, ist egal. Wichtig ist es, den Blick für das Ganze nicht zu verlieren. Bei den Sportlern muss man auch einschätzen können, wie sie im Fall von Niederlagen behandelt werden möchten. Das ist individuell sehr unterschiedlich. Man darf aber natürlich enttäuscht sein. Das gehört dazu.

Neben Ihrer Tätigkeit als Sportdirektor leiten Sie auch die Agenden im Service- und Technologiebereich. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen diesen beiden Aufgabenbereichen?

Ich habe in beiden Bereichen Kompetenzen von Mitarbeitern aufgestockt und entsprechende Strukturen geschaffen. Meine Kernaufgaben sehe ich mit Ausnahme von Krisensituationen nicht im Tagesgeschäft. Vielmehr geht es darum mittel- und langfristige Strategien und Synergien für die einzelnen Sparten zu entwickeln.

In der nächsten Saison werden sie vermutlich erstmals nicht unter einem Präsidenten Peter Schröcksnadel in die Saison starten. Wie haben Sie dessen Wirken in den letzten 30 Jahren miterlebt?

Wir alle haben Peter sehr viel zu verdanken. Er hat die wirtschaftliche Basis gelegt, dass wir so arbeiten können, wie wir das tun. Egal in welcher Position ich war, seine Tür stand immer offen. Er war auch immer entscheidungsfreudig. Seine tiefe Sportbegeisterung hat auch seine Entscheidungen, die immer im Sinne des Sports waren, positiv beeinflusst. Er hat einmal gesagt, er möchte einen modernen, funktionierenden Verband übergeben. Mit der Saison, wo alles so schwierig war, haben wir aus sportlicher Sicht gezeigt, dass er beruhigt einer geordneten Übergabe entgegenblicken kann.

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